Die Studie

Im Zuge seiner wissenschaftlichen Arbeit über den Assistenzeinsatz des Bundesheeres an der Tiroler Grenze im Jahre 1967 fand der Militärhistoriker Dr. Hubert Speckner im Österreichischen Staatsarchiv der Öffentlichkeit bisher unbekannte, z.T. "streng geheim" bzw. "vertraulich" eingestufte sicherheitsdienstliche Akten des Innenministerium, die Vorgänge auf der Porzescharte vom 25. Juni 1967 betreffend. Seinerzeit sollen Aktivisten des "Befreiungsausschusses Südtirol" (BAS) dort in den Abendstunden einen Elektromast der Überlandleitung gesprengt und zwei Minen verlegt haben, deren Detonation vier italienischen Soldaten das Leben kostete und einen anderen schwer verletzte. Der Inhalt dieser Dokumente weckte Speckners Forschungsdrang und wissenschaftliches Interesse, zumal deren Inhalt konträr zu Ergebnissen bisher bekannter zeitgeschichtlicher Veröffentlichungen und zahlreicher Medienberichte aus der Zeit stand.

Speckner wertete alle Aktenbestände des Staatsarchivs, des Innenministeriums und des Wiener Landesgerichts für Strafsachen zum Vorfall vom 25. Juni 1967 akribisch aus. Zweimal, im Sommer 2011 und 2012, beging er zusammen mit fachkundigen Kollegen von österreichischer Seite aus das infrage stehende Gelände der Porzescharte und nahm das Terrain in Augenschein. Er führte Gespräche mit neu ausgeforschten Zeitzeugen, mit fachkundigen Spezialisten, mit dem damaligen österreichischen Justizminister Univ.-Prof. Dr. iur. Hans Richard Klecatsky, sowie mit zweien der drei damaligen Tatverdächtigen, von denen Erhard Hartung namens aller bekundete, dass "niemand anderer mehr an der Wahrheitsfindung interessiert ist als wir selbst!"

Wie stellt sich nun der Sachverhalt im Lichte von Speckners luzider Studie dar?
  • Aus den bisher vorhandenen und den neu erhobenen Befunden, Berichten und Aussagen geht hervor, dass sich in den damaligen Erhebungen zahlreiche Unstimmigkeiten finden und dass sich vieles von dem, was den damaligen Verfahren gegen die "Attentäter" zugrunde gelegt worden war, so nicht ereignet haben konnte. Es ergaben sich aus Speckners Untersuchung objektive Befunde, welche den Aussagen von Zeugen, besonders jenen des italienischen Militärs, diametral entgegenstehen. Andere Befunde lassen sich nicht zweifelsfrei klären bzw. objektivieren, da italienische (Geheimdienst-)Akten bis dato verschlossen waren und weiter unzugänglich sind.
  • Die angeblichen "Attentäter" haben ausweislich neuer Zeugenaussagen einen anderen Aufstieg in die Nähe der Porzescharte gewählt als bisher – und in den damaligen Verfahren als relevant geltend - angenommen. Der für den Aufstieg auf die Porzescharte und für das (angebliche) Begehen der Tat bemessene Zeitraum hätte es für die Beschuldigten gänzlich unmöglich gemacht, die ihnen zur Last gelegten Taten überhaupt ausführen zu können.
  • Im "Zeitfenster" jener zwischen angeblicher Tat und der inspizierenden Begehung des Areals durch eine gemischte österreichisch-italienische Untersuchungskommission verstrichenen Tage wurde der "Tatort" manipuliert. Das lässt sich anhand eines Berichts des Osttiroler Bezirkshauptmanns Dr. Doblander vom 27.06.1967 und eines Fernschreibens Dr. Stockers (Sicherheitsdirektion Tirol) an das Innenministerium vom 28.06 1967 sowie der Aussagen von Bediensteten der Verbundgesellschaft, die unabhängig voneinander kurz nach der Sprengung des Elektromasts auf der Porzescharte waren, zweifelsfrei belegen. Alle Genannten haben zwar den gesprengten Mast, jedoch keine Minenkrater oder andere Spuren bzw. Relikte, welche auf die Tötung und Bergung mehrerer Soldaten durch (nach italienischen Angaben) mindestens 25 weitere italienische Soldaten hingewiesen hätten, gesehen. Stattdessen wurde von Ing. Hammerschmidt (Verbundgesellschaft) ein von Wettereinflüssen unberührt gebliebener Zettel gefunden und der Sicherheitsdirektion übergeben, welcher eine kurze Notiz und die Telefonnummer eines beim italienischen Geheimdienst Tätigen enthielt.
  • Die Protokolle der in Zürich geführten Gespräche zwischen Vertretern österreichischer und italienischer Sicherheitsbehörden – letztere gehörten nahezu ausnahmslos dem rechtsextremen "Gladio-Netz" an – , lassen erkennen, dass Italien sie mit dem Ziel führte, über Südtirol-Aktivisten Informationen zu erhalten, rechtswidrige Forderungen zu stellen und mit unwahren, mittels Folter politischer Häftlinge erpresster Aussagen Südtirol-Aktivisten zu belasten. Als die österreichischen Sicherheitsbeamten ihren Zweck - im Sinne italienischer Ziele – erfüllt hatten, wurden diese Gespräche nicht mehr fortgesetzt.
  • Das in Wien in über mehrere Instanzen gegen die angeblichen Attentäter geführte Verfahren war von der Politik, welche aus außenpolitischen Gründen eine Verurteilung für notwendig hielt, beeinflusst. Dies wird u.a. durch die Intervention des Bundeskanzlers Dr. Klaus, aber auch durch die Auswahl bzw. Nichtladung von Zeugen, möglichen "Gefälligkeitsgutachten", die Unterdrückung entlastenden Beweismaterials (der Bericht Dr. Doblanders, ein Fernschreiben Dr. Stockers; beides erreichte das Schwurgericht nicht, lag somit im Prozess überhaupt nicht vor) sowie Verschweigen entlastender Tatsachen überdeutlich. So war Dr. Obrist (Sicherheitsdirektion Tirol) zusammen mit Innenminister Hetzenauer auf der Porzescharte, wo beide keinerlei Anzeichen von Minenexplosionen ausmachen konnten; dem Gericht wurde das aber nicht mitgeteilt. Stattdessen wurde dem Gericht belastendes Material (von der Polizei gefertigte, jedoch von den Verdächtigten nicht unterzeichnete "Niederschriften", angeblich von einem "Täter" getragene Handschuhe – wovon der eine am "Tatort", der andere bei der Verhaftung des "Täters" gefunden worden sein soll – unterschoben. Dass die österreichische Seite, insbesondere Justizorgane, es ablehnten, von der italienischen Seite Totenscheine bzw. Obduktionsbefunde zu verlangen, und dass das Gericht keinen Lokalaugenschein anordnete, untermauert die Einwirkung politischer Verantwortungsträger auf Justizorgane.
 
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