Geleitwort

von Elmar Thaler

Am 10. Oktober 1920 trat die Annexion Südtirols durch das Königreich Italien offiziell in Kraft. Die italienische Politik im besetzten Südtirol war zunächst in sich widersprüchlich. Während der mit der deutschen Kultur vertraute "Commissario generale civile" Luigi Credaro vielfach den Weg des Ausgleichs mit der deutschen und ladinischen Volksgruppe suchte, erstarkten rasch die nationalistischen und zentralistischen Kräfte in Italien, denen Credaro letztendlich nur schwachen Widerstand entgegen setzte.

Vor allem die vorzugsweise aus dem Süden stammenden Carabinieri, welche seit 1919 den Ordnungsdienst ausübten, benahmen sich wie eine Okkupationsmacht in einem feindlichen Land. Bereits die Herz-Jesu-Feiern von 1920 mit den entzündeten Bergfeuern führten zu massiven Verhaftungsaktionen und zur Einschüchterung der Bevölkerung mit aufgefahrenen Maschinengewehren. 31 junge Männer wurden, mit Ketten wie Vieh aneinandergehängt, nach Trient gebracht und wegen öffentlicher Gewalttätigkeit zu mehrmonatigen Gefängnisstrafen verurteilt.

Bald wurde auch der Einfluß der Faschisten im Trentino und in Südtirol spürbar, wo Achille Starace den Bozner "Fascio di combattimento" gegründet hatte. Diese Keimzelle des italienischen Faschismus im "Alto Adige" forderte und erhielt Unterstützung aus den benachbarten italienischen Provinzen. Bald wagten der Regierungskommissar und die Beamten es nicht mehr, gegen die Gewalttaten der Faschisten vorzugehen, die am 24. April 1921, von rund 90 Jahren, in den Ereignissen des "Bozner Blutsonntags" gipfelten.

Die blutigen Ereignisse in Bozen bildeten nur den Auftakt zu einem viel größeren Geschehen, die in den faschistischen Marsch auf Rom und die Übernahme der politischen Macht in Italien mündeten.

Vor 30 Jahren erschien unter dem Titel "24. April 1921 – Der Bozner Blutsonntag und sein Todesopfer Franz Innerhofer" ohne Angabe eines Verfassers, Herausgebers oder Verlegers eine "Gedenkschrift zur 60. Wiederkehr des Tages".

Der einzige namentlich gezeichnete Beitrag war ein kurzes Geleitwort des bekannten Obmannes des Heimatpflegeverbandes Norbert Mumelter. Mumelter hatte als siebenjähriger Bub zusammen mit seiner Mutter am Eingang des Sarntales die Pistolenschüsse im benachbarten Bozen gehört und wenig später konnte er von dem Fenster seines Wohnhauses aus den Trauerzug beobachten, welcher mit dem erschossenen Lehrer Innerhofer von Bozen nach Gries zog.

Mumelter beklagte in seinem Geleitwort, daß selbst nach 60 Jahren seit diesem Geschehen keine polizeilichen oder gerichtlichen Akten zu dem damaligen faschistischen Gewaltverbrechen auffindbar seien.

Die von Mumelters Geleitwort eingeleitete Schrift versuchte als Sammlung von Berichten der damals noch nicht verbotenen deutschen Presse Südtirols und anhand dokumentarischer Fotos die dokumentarische Lücke zu schließen. Eine Reihe damaliger Zeitzeugen schilderte in diesen Zeitungsberichten das grausame Geschehen und die feige und schwächliche Haltung der Behörden, die schon Schlimmes für die Zukunft ahnen ließ.

Nun hat sich die "Edition Südtiroler Zeitgeschichte" entschlossen, diese zeitgenössische Berichte-Sammlung neu aufzulegen. Die Geschehnisse von 1921 sollen nicht in Vergessenheit geraten – vor allem auch deshalb nicht, weil eine seltsame Mussolini-Nostalgie im Italien von heute dazu neigt, die Schrecken des Faschismus zu verharmlosen und das Geschichtsbild zu verbiegen.

Es wird auch vielfach vergessen, daß die Geschehnisse von 1921 in Bozen bereits der Auftakt zu dem folgenden faschistischen Marsch auf Rom waren, der wiederum das Tor in eine schreckliche Zukunft aufstieß, in der das alte Europa untergehen sollte. Vielen ist heute nicht bewußt, daß Mussolini das leuchtende Vorbild und der Ideengeber Hitlers gewesen ist. Hitler hat Mussolini alles nachgeahmt, von den Äußerlichkeiten bis tief in das ideologische Gedankengut. Der faschistische "saluto romano" wurde zum "deutschen Gruß". Die SA marschierte ebenso wie die faschistischen Milizen hinter "altrömischen" Standarten und trug das einheitliche Hemd als Uniform.

Die ständische Gliederung des NS-Staates beruhte auf faschistischem Vorbild. Der Abessinienkrieg und die faschistische Siedlungstätigkeit in Nordafrika waren unter anderem Vorbild für die geplante Landnahme und die NS-Kolonisationspläne für den Osten. Die Mitleidlosigkeit mit dem politischen Gegner wurde im italienischen Faschismus ebenso gepredigt wie im Nationalsozialismus.

Und vor allem wurde gepredigt, daß dem Volk ein genialer "Duce", ein "Führer" vom Format altrömischer Diktatoren geboren worden sei, dessen unendliche Weisheit keiner demokratischen Kontrolle bedürfe. Seine Herrschaft habe zum Wohl des Volkes vollständig und umfassend zu sein. Das "credere, obbedire, combattere" fand seine Entsprechung im "glauben, gehorchen, kämpfen". Staat und Partei wurden auch im Deutschen Reich nach faschistischem Vorbild hierarchisch von oben nach unten in einer durchgehenden Gehorsamskette gegliedert. Widerspruch wurde hier zum Hochverrat.

Es kann und soll mit der Neuauflage der Broschüre zum Bozner Blutsonntag auch aufgezeigt werden, daß der Faschismus von allem Anfang an eine Gegenposition zu Menschenund Volksgruppenrechten einnahm. Was später noch an Schrecklichem im Herrschaftsbereich des schwarzen und des braunen Totalitarismus geschah, waren keine Betriebsunfälle der Geschichte, sondern war in den Systemen bereits immanent angelegt gewesen. Niemals können die Prinzipien von Freiheit und Selbstbestimmung mit solchen Ideologien einhergehen. In diesem Sinne wünsche ich mir, daß diese nach wie vor bedeutsame Dokumentation viele junge Menschen erreicht.

 
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