Der Autor Dr. Helmut Golowitsch:

Zielsetzung und Schwerpunkte der Dokumentation "Für die Heimat kein Opfer zu schwer"

Teil der Geschichte

Das Geschehen der 1960er Jahre in Südtirol ist Teil der Tiroler und damit unserer österreichischen Geschichte. Zu diesem geschichtlichen Erbe gehören die Berichte über die ideellen Antriebe der sich damals gegen den italienischen Staat Auflehnenden.
Dazu gehört aber auch, was damals den Aktivisten des „Befreiungsausschusses Südtirol“ (BAS) - durch die Bank „kleine Leute“ - an Schrecklichem widerfuhr. Das alles darf aus der österreichischen Zeitgeschichte nicht „hinausgeschwiegen“ werden.

Versuch der Leugnung

Unlängst hat eine Debatte im Südtiroler Landtag stattgefunden, in welcher der PDL-Abgeordnete Alessandro Urzi es unverfroren als Lüge bezeichnet hat, wenn man von Folterungen in den Sechzigerjahren spreche, die es aus seiner Sicht nie gegeben habe.
In die gleiche Kerbe hieb auch der PDL-Abgeordnete Mauro Minniti. Der Unitalia-Abgeordnete Donato Seppi verwahrte sich in derselben Debatte dagegen, die damals von staatlicher Seite angewandten Methoden als kriminell zu bezeichnen.

Diese Ehrenmänner haben sich offenbar nie die Mühe gemacht, selbst mit damaligen Südtiroler Folteropfern zu sprechen.
Sie stempeln aber nicht nur die Folteropfer der 1960er Jahre zu Lügnern, sondern auch den österreichischen Präsidenten der zweiten Parlamentskammer, den Bundesratspräsidenten a. D. Helmut Kritzinger.

Dieser war nämlich im Jahre 1961 unschuldig eine Zeitlang ebenfalls unter dem Verdacht der politischen Verschwörung inhaftiert und lernte im Bozner Gefängnis zahlreiche Folteropfer kennen.

Am 25. November 1961 wurde Kritzinger von den Gerichtsbehörden in „provisorische Freiheit“ entlassen und flüchtete dann nach Österreich.

Am 5. Dezember 1962 verfaßte und unterfertigte Helmut Kritzinger für die Tiroler Landesregierung einen umfangreichen Bericht „Wie Südtiroler von den Karabinieri gefoltert wurden“, welcher sich heute im Tiroler Landesarchiv befindet. Darin heißt es unter anderem:

Ich erzähle hier, wie Südtiroler Häftlinge gefoltert wurden. Es sind lauter Berichte, von den einzelnen Betroffenen mir geschildert. Viele Häftlinge sah ich mit Wundmalen, Quetschungen, Nadelstichen, Geschwulsten, Beulen und Brandwunden. …

Der 38-jährige Zimmermann Josef Tschenett aus Prad im Vintschgau musste ... unter der Quarzlampe stehen und erhielt Fausthiebe ins Gesicht. Ich sah, wie ihm ein Schneidezahn ganz locker geschlagen worden war. Später musste er ihn mit zwei Fingern wegbrechen. ...

Arg gefoltert wurde der 32-jährige Luis Gutmann, Besitzer einer Baumschule in Tramin, ledig. Gutmann zeigte mir den abgeschundenen rechten Teil des Hüftbeckens. Die fleischige Stelle hatte die Größe von ca. 10 x 5 cm und sah nicht gut aus. Die Karabinieri, erzählte er, schleiften mich an den Haaren nackt am Boden herum. In der Karabinierikaserne von Eppan legte man mich auf den Tisch, schob unter meinen Rücken ein kleines Kästchen, sodaß der Brustkorb höher lag und schüttete dann verdünnte Salzsäure in meinen Mund. Tat ich den Mund nicht auf, so hielten sie mir die Nase zu, bis ich atmen mußte und in dem Augenblick leerten sie die Flasche über das Gesicht. Die Säure brannte in den Augen und ebenso im Rachen. Diese Methode wandten die Karabinieri noch bei vielen anderen Häftlingen an. Gutmann trug noch viele blaue Flecken im Gesicht, als ich ihn im Gefängnishof das erste Mal sah ...

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